Arbeit und Frauen

Hausarbeit ist nicht so unschuldig, wie sie daherkommt: Der Feminismus hat sie sich schon lange vorgeknöpft und versucht die Frauen vom Herd auf die Straße und ins Büro zu holen. Doch was passiert eigentlich, wenn Frauen die Hausarbeit abgeben?

Das bisschen Haushalt

Frauen arbeiten. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich daran nichts geändert, doch was sich geändert hat, ist die Art der Arbeit und die gesellschaftliche Sicht darauf. Obwohl Frauen nicht weniger arbeiten als Männer, befinden sich viele von ihnen deutlich häufiger in einer prekären Situation.

„Zwei Drittel der Arbeit auf der Welt
wird von Frauen erledigt […]. Dennoch verdienen sie nur zehn Prozent des weltweiten Einkommens und besitzen
nur ein Prozent des Eigentums.“ 
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Das Zitat macht deutlich, dass Frauen trotz größerer Produktivität ökonomisch erheblich unterlegen sind. Eine entscheidende Rolle für dieses Missverhältnis spielt Hausarbeit, die – häufig von Frauen geleistet – schlecht oder gar nicht bezahlt wird und unter die reproduktive Tätigkeit fallen. Dabei kann es sich um kochen und putzen, aber auch um Pflege- und Erziehungsarbeit handeln, also um die Arbeit, die den Menschen und seine Arbeitskraft reproduziert. Der Begriff Care-Arbeit beschreibt jede Form des Pflegens und Sich-Kümmerns. Er entwickelte sich während der Zweiten Frauenbewegung der 1960er 1970er Jahre, die erstmalig unbezahlte Haus- und Sorgearbeit in den Fokus rückte und das Private somit politisch machen wollte.
Die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker Bildbeschreibt Care-Arbeit noch spezifischer:

„Während mit dem Begriff der Reproduktionsarbeit als Pendant zur Lohnarbeit auf die Bedeutung der Haus- und Sorgearbeit für das kapitalistische Prinzip der Profitmaximierung fokussiert wird, kommt mit der seit den 1980er Jahren laufende Care-Debatte die Gesamtheit der bezahlten und unbe-zahlten Sorgearbeit in den Blick.
[Ich] verstehe unter Care sowohl die Gesamtheit der familiären Sorgearbeit als auch Erziehungs- und Betreuungstätig-keiten in Institutionen wie Kindergärten, Schulen und Altersheimen.“ 
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Obwohl Care-Arbeit die Basis für menschliches Leben darstellt und im engeren Sinne lebenserhaltende Arbeiten sind, werden sie gesellschaftlich nicht anerkannt, schlecht oder gar nicht entlohnt und damit ökonomisch abgewertet.

„In Wirklichkeit ist Hausarbeit gar nicht trivial. Ohne die Arbeit, die Frauen umsonst leisten, würde jede westliche Ökonomie innerhalb weniger Tage kollabieren.“  3

Haus- und Pflegearbeit wird in der Gesellschaft als „Frauenarbeit“ gesehen, doch dass Frauen allein dafür zuständig sein sollen, ist nicht immer so gewesen. Denn die Trennung der Arbeitswelt in „wertvolle“ produktive Arbeit und häusliche, reproduktive Arbeit ist eine neuere Entwicklung:

Im Jahr 1737 arbeiteten beispielsweise noch über 98 Prozent der verheirateten Frauen in England außer Haus. Bis 1911 waren über 90 Prozent der Frauen ausschließlich als Hausfrauen beschäftigt. 4

Dass Frauen ihre Erwerbsarbeit aufgaben, liegt dem Wunsch nach Optimierung zu Grunde: Unter den Fabrikbesitzer*innen wurde zu Zeiten der Industrialisierung der allgemeine Zustand der Arbeiter*innenklasse zu einem Anlass ernsthafter Sorge. Unterernährt, krank und verkümmert durch die Bedingungen, unter denen sie lebten, waren die Arbeiter*innen immer weniger in der Lage, gute Arbeit zu verrichten. Es stellte sich heraus, dass die kostengünstigste Methode, um Arbeiter dauerhaft arbeitsfähig zu halten, darin bestand, Frauen aus den Fabriken zu vertreiben und sie Zuhause für die Erhaltung der männlichen Arbeitskraft verantwortlich zu machen. Sowohl Frauen als auch Männer protestierten heftig: die Frauen, weil sie es gewohnt waren für sich selbst zu sorgen; die Männer, weil sie nicht allein für ihre Frauen und Kinder verantwortlich gemacht werden wollten. So wurden Arbeiterinnen zu Hausfrauen und Arbeiter zu Alleinverdienern.
Silvia Federici Bild fasst die Lebensumstände zusammen:

Eine Arbeiterin in einer Fabrik (Abb. 1)

„Es gehört zum Wesen kapitalistischer Ideologie, die Familie als ‚private Welt‘ zu glorifizieren, als letzten Freiraum, wo Männer
und Frauen ihre Seelen
am Leben erhalten.“ 
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Emanzipation durch Arbeit

1958 trat der § 1356 im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch in Kraft, der die Arbeitsteilung der Eheleute gesetzlich regelte: „1. Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. 2. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ 6 Dieses Gesetz regelte explizit das Arbeitsverhältnis der verheirateten Frauen und zwang sie nicht nur zur alleinigen Verantwortung der Haushaltsführung, sondern legitimierte den Ehemann keinerlei Verantwortung dafür zu übernehmen. Außerdem durfte eine verheiratete Frau in dieser Zeit nur mit Einverständnis ihres Ehemanns einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Der Paragraph wurde 1977 wieder abgeschafft.

Heute ist dieses Gesetz und das Alleinverdienermodell also längst überholt. Frauen sind spätestens seit den 1970er Jahren wieder auf dem Arbeitsmarkt vertreten, die meisten von ihnen im Dienstleistungssektor, der inzwischen 70 Prozent der Bruttowertschöpfung ausmacht. 7

Eine Gruppe Frauen arbeitet auf einem Feld (Abb. 2)

Trotzdem bleibt die hegemoniale Vorstellung von produktiver Arbeit bestehen, dass sie in Fabriken stattfindet und etwas herstellt. Die Erwerbstätigkeit von Frauen hatte zur Folge, dass Teile der Care-Arbeit aus den privaten Haushalten ausgelagert wurden. Zum einen entstanden staatliche Lösungen in Form von Sozialleistungen, wie Elterngeld und die Absicherung in Krankheitsfällen oder Pflegebedürftigkeit, zum anderen wurden viele der zuhause unentlohnt ausgeführten Arbeiten privatisiert und in bezahlte Dienstleistungen umgewandelt: Hemden werden heute von der Reinigung gesäubert und gebügelt, Zimmer von der Putzhilfe geschrubbt, Mahlzeiten in Fertigportionen zu sich genommen und die Kinder während der Arbeitszeit in der Kindertagesstätte untergebracht. Das traditionelle Konzept der Hausfrau verliert zunehmend an Bedeutung. 8

Trotz dieser Veränderung übernehmen Frauen noch immer den Großteil der unbezahlten Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit. Das Statistische Bundesamt rechnete 2013 aus:
Würde man die Zeit, die Menschen in Deutschland beispielsweise mit Kochen oder Kinderhüten verbringen, mit dem Stundenlohn einer Haushaltshilfe vergüten, dann wäre diese Arbeit hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung eine Billion Euro wert. 9

Zwar unterscheide sich die Gesamtarbeitszeit pro Woche inklusive der Wochenenden zwischen Männern und Frauen nur wenig, aber der Anteil der bezahlten Arbeit ist bei den Männern erheblich höher: Männer in Vollzeit bekämen 73 Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit bezahlt, teilzeitbeschäftigte Frauen nur 43 Prozent. 10





Frauen werden heute einer Doppelbelastung ausgesetzt und dazu angehalten, den Balanceakt zwischen Lohn- und Care-Arbeit individuell und ohne große staatliche Hilfe zu meistern.
Der Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt ging folglich nicht mit der gerechten Verteilung oder gar Befreiung von unbezahlten, häuslichen Tätigkeiten einher. Frauen emanzipierten sich nicht von ihren klassischen Rollen, sondern verknüpfen die traditionelle Rolle der Hausfrau mit der modernen erwerbstätigen Frau.
Nancy Fraser Bild stellt dazu fest, dass „der Traum der Frauenemanzipation in den Dienst der kapitalistischen Akkumulationsmaschine gestellt“ wurde. 11

Wenn Du das nicht mehr schaffst, dann holen wir uns eben eine Putzfrau

Finanziell gut situierte Frauen nutzen zunehmend die günstig zu erwerbende Arbeitskraft eingewanderter Frauen aus dem globalen Süden und Osten, um einen Teil der Care-Arbeit abgegeben zu können. Die Hans-Boeckler-Stiftung veröffentlichte dazu 2015 eine Publikation von Helma Lutz. Sie hält fest, dass 67 Prozent aller Deutschen eine sogenannte „Hilfe“ im Haushalt beschäftigen. 12 Die Reproduktionsarbeit erfährt dabei eine Umverteilung über Ländergrenzen hinweg und es entstehen Verkettungen von Care-Arbeit auf Kosten von ärmeren Frauen. Basierend auf dieser Beobachtung entwickelte die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild Bild das Konzept der Care-Chains, bei dem mindestens drei Stationen zusammenkommen und die Ursula Apitzsch in einem Artikel für die Bundeszentrale für politische Bildung folgendermaßen zusammenfasst:

„Eine Frau kümmert sich zu Hause um die Kinder der Migrantin, eine zweite kümmert sich um die Kinder derjenigen, die auf die Kinder der Migrantin aufpasst, und eine dritte, die ausgewanderte Mutter selbst, kümmert sich um die Kinder von Berufstätigen im Zielland. Üblicherweise werden Betreuungsketten von Frauen gebildet.“  13



Diese Umverteilung kann natürlich nur funktionieren, wenn eine Frau mehr verdient als beispielsweise eine Putzfrau kostet oder wenn sie aus anderen Gründen ökonomisch besser situiert ist. Erst ab der finanziellen Überlegenheit lohnt sich die Umverteilung der Arbeit auf die ärmeren, oft migrantischen Frauen. Sie werden gering bezahlt und werden häufig ohne Renten- und Sozialversicherung angestellt. Mit der Arbeitsmigration dieser Frauen in westliche Länder, entsteht – wie Arlie Hochschild beschreibt – in ihren Heimatländern eine Versorgungslücke. Diese Lücke muss dann unbezahlt von Familienmitgliedern und Freund*innen gefüllt werden.

Laurie Penny Bild kritisiert es, den Kelch auf diese Weise weiterzureichen:

„Offenbar haben berufstätige Frauen – Feministinnen und Nicht-Feministinnen gleichermaßen – ihre persönlichen Probleme mit der Hausarbeit auf die einfachste Weise gelöst. Sie haben sich einfach freigekauft. Statt sich selbst auszubeuten, haben sie die Ausbeutung
an andere Frauen weitergegeben. Aber nicht jede kann den Kelch auf diese Weise weiterreichen. Wer putzt bei der Putzfrau?“ 
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Bezahlte Care-Arbeit (Abb. 3)

Das Dilemma der Care-Chains sind nur das Ende eines langen Rattenschwanzes. Den Anfang macht die Hausarbeit: In der heutigen Gesellschaft ist sie fälschlicherweise weiblich konnotiert und die Ausübung kümmernder Tätigkeiten, wird häufig sogar als genetisch angeboren erachtet. Bestenfalls geht jeder Mensch einer Erwerbsarbeit nach, um sich zu finanzieren, doch parallel gilt es immer auch die Hausarbeit zu erledigen. Diese kostet zwar Zeit und Kraft, wird aber nicht bezahlt. Care-Arbeit ist eine lebenswichtige Arbeit, steht aber in direkter Konkurrenz zur Erwerbsarbeit. Für viele liegt es demnach nahe sie an jemanden abzugeben. So entstehen und bleiben die Care-Chains in einer Gesellschaft bestehen.




Der Weg aus dieser Misere kann nur gesamtgesellschaftlich erschlossen werden: Zunächst müssten alle unsichtbaren Care-Arbeiten sichtbar gemacht werden. Die Bewusstwerdung über das Bestehen dieser Arbeiten und ihre Unabdingbarkeit ist schon seit Jahrzehnten ein stetiger Fokus der Frauenbewegung.
Im nächsten Schritt müssten die Arbeiten gesellschaftlich und ökonomisch aufgewertet und geschlechterübergreifend verteilt werden. Eine erhöhte Bezahlung und die Verbesserung von Arbeitsverhältnissen würden dabei außerordentlich helfen. Außerdem müsste die politische Landschaft sich dahingehend ändern, die Care-Arbeit nicht weiter zu privatisieren, sondern staatliche Lösungen zur Abgabe von Care-Arbeit zu finden. Die Politik müsste alle Menschen entlasten, egal wieviel Geld sie haben, welcher Nationalität sie angehören oder welches Geschlecht sie haben.
Ein erhöhtes Bewusstsein über die tragischen Konsequenzen der Care-Chains kann darüber hinaus dazu beitragen, zu weiteren Lösungen zu gelangen.

Bewegt man sich einige Jahrzehnte in die Zukunft, könnte der Xenofeminismus eine interessante Lösung eröffnen: Xenofeminismus steht für die Abschaffung einzelner Geschlechter, also die Einführung tausender diverser Geschlechter, und die Auslagerung von Schwangerschaft ins Labor. Das würde dazu führen, dass auch die letzte geschlechtsspezifische Tätigkeit, also Schwangerschaft und Geburt, keine geschlechtsspezifische Verantwortung mehr erhielte.

Der schnellste Weg aus der Küche führt folglich nicht über private Negierung und die Weitergabe von Care-Arbeit, sondern über die Sichtbarmachung, gerechte Bezahlung und gesellschaftliche Umverteilung.


12. Juli 2019

Ein Projekt von
Johanna Hoffmann und Daphne Braun






























































































Font: Tablet Gothic in Bold, Regular & Oblique von TypeTogether (Veronika Burian, José Scaglione)
1 Hamidon Ali, Präsident des Wirtschafts- und Sozialrates (ECOSOC) Die Welt, 25.06.2010, https://www.welt.de/wirtschaft/article8185028/Frauen-erledigen-zwei-Drittel-der-Arbeit-weltw eit.html.
2 Winker, Gabriele, 2013, Zur Krise sozialer Reproduktion, in: Denknetz Online, http://www.denknetz.ch/wp content/uploads/2017/07/Winker_Krise_sozialer_ Reproduktion.pdf, Seite 122.
3 Laurie Penny, 2012, Fleischmarkt – Weibliche Körper im Kapitalismus, Edition Nautilus, Seite 95.
4 Oakley, Ann, 1976, Housewife , Penguin Books
5 Federici, Silvia, 2012, Die Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, in: dies. Aufstand aus der Küche – Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, Band 1 in der Reihe: Kitchen Politics – Queerfeministische Intervention, Münster: Edition Assemblage (ISBN: 978-3-942885-32-4), S. 118.
6 Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, Buch 4. Familienrecht, Abschnitt 1. Bürgerliche Ehe, Titel 5. Wirkungen der Ehe im Allgemeinen, Paragraf 1356. Haushaltsführung, Erwerbstätigkeit, https://lexetius.com/BGB/1356#2.
7 Wischnewski, Alex und Wolter, Kerstin, 2018, Frauenstreik: Einfach machen, in: ada Magazin Online, https://adamag.de/frauenstreik-einfach-machen.
8 Winker, Gabriele, 2013, Zur Krise sozialer Reproduktion, in: Denknetz Online, http://www.denknetz.ch/wp content/uploads/2017/07/Winker_Krise_sozialer_ Reproduktion.pdf, Seite 121.
9 Katz, Juli und Kolosowa, Wlada, Zeitonline, 11. Februar 2019, 18:30 Uhr, https://www.zeit.de/arbeit/2019-01/care-arbeit-pflege-kinder-eltern-ina-praetorius.
10 Zeit Online, 23. April 2017, 3:12 Uhr; https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-04/frauen-maenner-arbeitszeit-bezahlt-unbezahlt
11 Fraser [2009] zitiert nach Winker, Gabriele, 2013, Zur Krise sozialer Reproduktion, in: Denknetz Online, http://www.denknetz.ch/wp content/uploads/2017/07/Winker_Krise_sozialer_ Reproduktion.pdf, Seite 121.
12 Lutz, Helma, 17.9.2015, Hans Boeckler Stiftung, https://www.boeckler.de/pdf/v_2015_09_17_lutz.pdf
13 Apitzsch, Ursula, 2011: Care, Migration, Geschlechtergerechtigkeit, Bundeszentrale für politische Bildung, http://www.bpb.de/apuz/33149/caremigration- und-geschlechtergerechtigkeit?p=all.
14 Laurie Penny, 2012, Fleischmarkt – Weibliche Körper im Kapitalismus, Edition Nautilus, Seite 112–113.

Abb. 1:  Bundesarchiv, Schmidt, 7. Mai 1973
Abb. 2:  Bundesarchiv, Schmidt, 15. Oktober 1957
Abb. 3:  Bundesarchiv, Martin, 6. Januar, 1960