Die Vermessung von Diskriminierung

Wer nicht
gezählt wird,
zählt nicht.

Von Caroline Riedel-Gitter, Lisa Collmer
und Rufus Blauert

Im folgenden Essay soll es nicht darum gehen Schuldige oder Opfer abzu­stecken und voneinander zu entfernen. Vielmehr wollen wir den wissen­schaftlichen Diskurs über die Strukturen und Hierarchien in unserer Gesell­schaft weiter vorantreiben und Sichtweisen austauschen. Mit dem Ziel der Gleichstellung Aller in Deutschland ist der erste Schritt zu Verstehen, was Privilegien in einer Gesellschaft bedeuten, wer sie inne hat und wie sie zu Diskriminierung führen können.

Diskriminierung hat viele Facetten und ist meist weder sichtbar noch mess­bar. Wir sehen sie hier nicht als böswilliger Handeln Einzelner, sondern als normalisierte Konsequenz einer Struktur in der von ihr »Privilegierte Grup­pen« wenig dazu angehalten werden, sich mit ihrer Position und der An­derer auseinanderzusetzen. Wie kann es in einer Gesellschaft am Beispiel von Deutschland gelingen, mit repräsentativen Datenerhebungen die Zu­sammenhänge von struktureller Diskriminierung ausfindig zu machen und mit entsprechenden Maßnahmen mehr Gleichstellung zu er­rei­chen?

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Julian

Julian besichtigt eine Wohnung, der Makler zeigt sich zuversicht­lich. Nachdem dieser fragt, ob Julian alleine oder mit Freundin einzieht, berichtet Julian, dass er mit seinem Freund einziehen möchte. Darauf der Makler: »Das passt nicht in unsere Nachbar­schaft!« Wenige Tage später kommt die Absage.

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Strukturelle Diskriminierung

Die »Anderen« von uns.

Die drei beschriebenen Fälle zeigen die Strukturen von Diskriminie­rung auf. Kian, Julian und Isabell haben gemeinsam, dass sie auf­grund eines bestimmten Merkmals mit Gegebenheiten und Verhal­tensweisen konfrontiert werden, welche für sie nega­tive Folgen haben. Die jeweiligen abstrakten Merkmale lassen vermeintliche, teilweise sogar fälschliche Rückschlüsse auf die Zugehörigkeit zu einer kollektiven Identität zu. Das heißt, aufgrund eines Merkmals
(z. B. Ethnische Herkunft, sexu­elle Orientierung oder Geschlecht) werden Menschen von Anderen als eine homogene Einheit zu­sammengefasst, die von der Norm abweicht.

L.: »Also, wenn die Gesellschaft praktisch ausblendet oder das Signal gibt: Dieser Teil der Bevölkerung gehört nicht dazu. Dieser Teil der Bevölkerung wird einfach in seinen Bedürfnissen nicht gesehen und
nicht bedient. Dann ist es ne Diskriminierung.«

Qualitative Daten, wie die oben beschriebenen Erfahrungen von Kian, Julian und Isabell sind besonders aussagekräftig um diese Merkmale ausfindig zu machen. Sie geben einen Anhalts­punkt, welche Faktoren und Mechanismen in unserer Gesellschaft zu Diskriminierungserfah­rungen führen.

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Gleichstellung per Gesetz?

Menschen
rechte.

Aus vielen solcher Einzelfälle lässt sich zum Beispiel ablei­ten, welchen rechtlichen Schutz Betroffene brauchen. Das Grund­gesetz besagt in Artikel 3, Absatz 1: »Alle Menschen sind vor
dem Gesetz gleich.« und in Absatz 3: »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, sei­ner Spra­che, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung be­nachteiligt werden.« (letzte Änderung vom 15. November 1994)

Diese gesetzliche Grundlage ist eine wichtige Errungenschaft, bietet aber noch Verbesserungspotenzial. Eine Regelung zu Diskrimi­nierung aufgrund des Alters oder der sexuellen Orien­tierung sind bisher im Grundgesetz nicht ver­ankert.

Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) vom 18. August 2006 erweitert das im Grundgesetz festgelegte Diskriminierungs­verbot. Aus dem AGG: »Eine Diskriminierung liegt vor, wenn Men­schen (1) in einer vergleichbaren Situation schlechter behan­delt werden, diese Schlechterbehandlung (2) an ein schützens­wertes Merkmal anknüpft und (3) kein sachlicher Rechtfertigungs­grund dafür vorliegt.«

Der rechtliche Schutz von 6 personenbezogenen Merkmalen gilt für das Leben der Menschen untereinander am ­Arbeitsmarkt oder bei Alltagsgeschäften wie bei der Wohnungs­suche, einem Res­taurantbesuch oder bei Vertragsab­schlüs­sen.­

Diskriminierungsmerkmale nach dem AGG

sexuelle Identität/
Orientierung

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Betrifft die Diskriminierung aufgrund der Ausrichtung der eigenen sexuellen oder erotischen Orientierung, die auf das eigene, das andere, alle Geschlechter, oder keines der Geschlechter gerichtet ist.

Behinderung/
chron. Krankheiten

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Umfasst körperliche, psychische und geistige Behinderung, Sinnes-, Sprach- Lernbehinderung sowie chronische Krank­heiten.

Ethnische Herkunft/
rassifizierende Herkunft

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Umfasst unter anderem Na­tionalität, Staatsangehörig­keit, kulturelle Identität, Volkszugehörigkeit, Ethni
zität, Abstammung, Herkunft, Erst­sprache, Haut- oder Haar­farbe, Gesichtszüge, Akzent oder Name.

Religion oder
Weltanschauung

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Umfasst Religionen, Glau­bensgemeinschaften und Ideologien jeglicher Form
und Größe.

Geschlecht/
Geschlechtsidentität

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Umfasst männlich, weiblich, trans*, intergeschlecht­lich oder anders.

Alter

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Altersdiskriminierung kann in jedem Lebensalter auftreten und bedeutet, dass eine Person als „zu alt“ oder „zu jung“ für etwas angesehen wird.

Sandra Bauer
alias Meryem Öztürk

Some imageGeschlecht/
Geschlechtsidentität
Some imageReligion oder
Weltanschauung
Some imageEthnische Herkunft/
rassifizierende Herkunft
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zu 18,8 %

…wurde sie ohne Kopftuch und mit
dem Namen Sandra Bauer...

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zu 13,5 %

…wurde sie mit Kopftuch und mit
dem Namen Sandra Bauer...

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zu 4,2 %

…wurde sie mit Kopftuch und mit
dem Namen Meryem Öztürk zum
Vorstellungsgespräch eingeladen.

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HÄUFIGKEIT VON DISKRIMINIERUNGSERFAHRUNGEN
NACH MERKMALEN

Diskriminierungsmerkmale nach dem AGG
Some imageAlter
Some imageEthnische Herkunft/
rassifizierende Herkunft
Some imageGeschlecht/
Geschlechtsidentität
Some imageBehinderung/
chron. Krankheiten
Some imageReligion oder
Weltanschauung
Some imagesexuelle Identität/
Orientierung
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Intersektionalität

14 % der Menschen gaben an, dass sogar mehr als
ein im AGG festgelegtes Merkmal zur Diskrimi­nierung geführt hat. Es wurden mehr als 40 verschiedene Kombinationen gemeldet. Beim Aufeinandertreffen von mehreren Dimensionen, die zu Diskriminierung führen entstehen neue Formen, soge­nannte intersektionelle Diskriminierung nach Kimberlé Crenshaw.

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Differenzierung und Neutralität

Wenn Daten
diskriminieren.

Warum reichen selbst die Daten der ADS nicht aus, um struktu­relle Veränderungen gegen Diskriminierung einzulei­ten? Die Daten, die von Beratungsstellen wie der ADS gesammelt und ausgewertet werden beruhen auf persönlichen Erfahrungs­berichten und spiegeln die Selbstwahrnehmung der Betroffenen wieder. Diese Daten zeigen individuelle Erfahrungen, die die Strukturen nur erahnen lassen und sind beispielsweise im Falle der Beratungs­zahlen nicht einmal repräsentativ. Die ADS steht zwar außerdem in Kontakt mit anderen Beratungsstellen in Deutschland, allerdings gibt es keine gemeinsame Datener­fassung oder einen regelmäßigen Austausch über Beratungs­zahlen.

Um faktenbasiert strukturelle Veränderungen erreichen zu können, wird die Erhebung von umfassenden, repräsentativen, differenzierten
und neutralen Daten benötigt.

Der Mikrozensus (MZ) befragt jährlich 1 % der Privat­haushalte und dient der zentralen Informationsquelle für die Erstellung öffentlicher Statistiken. Seit 2005 unterscheidet der Mikrozensus Menschen mit und ohne den sogenann­ten »Migrations­hinter­grund«. Dazu wird die Zuwanderung, Staats­angehörigkeit und Einwanderung der Befragten sowie deren Eltern erfasst.

❏ divers/anders
❏ weiblich
❏ männlich

Bis zum 01.01.2019 gab es keine Möglichkeit neben männlich und weiblich eine andere Geschlechtsidentität in öffentlichen Papieren einzutragen. Insbesondere für Trans und intergeschlechtliche Menschen führte das zu einer Ungleichheit in der Freiheit ihrer eigenen Identität. Deshalb müssen ab 2019 Stellen­anzeigen, Umfragen, Formulare und Anreden
in Zukunft nicht nur m/w sondern auch das
dritte Geschlecht miteinbeziehen.

Dotschy Reinhardt

Warum darf ich nicht deutsch sein, obwohl ich und meine Leute hier schon seit Jahrhunderten wirken und mitarbei­ten in diesem Land? Warum werde ich hier immer ausgegrenzt? Ich wuchs auf einem kleinen Dorf auf. Als ich eingeschult wurde hatte ich mit Anfeindungen zu kämpfen. Es war das erste Mal, dass jemand »Zigeunerin« zu mir sagte. Und dann auch noch »dreckige Zigeunerin«.

Nur weil Menschen wie Dotschy per Definition keinen Migrationshintergrund haben, bedeutet das nicht automatisch, dass sie keiner Diskriminierung ausgesetzt sind.

Familien der Sinti und Roma sind teilweise schon vor 600 Jahren in europäische Länder wie Deutschland eingewandert. Sie leben hier seit mehreren Generationen, sind aber die am meisten dis­kriminierteste Gruppe in ganz Europa. Ab der dritten Generation werden Eingewanderte nicht mehr mit der Kategorie »mit Migra­tionshintergrund« erfasst, sondern gelten rechtlich als Deutsche. Äußerlich erkennbare Merkmale oder Namen, die auf eine nicht-deutsche Herkunft schließen lassen sind dennoch Grundlage für rassistische Diskriminierung.

Große Panels wie der Mikrozensus nehmen trotz der Festlegung im AGG nicht alle der rechtlich definierten Merkmale in ihren Fra­genkatalog auf. Darüber hinaus kann die Erhebung des Status »mit oder ohne Migrationshintergrund« bezogen auf die Erfas­sung von Diskriminierung als unzurei­chend angesehen werden. Damit wird die Erhebung von Daten selbst zu einem Werkzeug struktureller Diskrimi­nierung. Vieles, was wir über Deutschland wissen, wird aus Datensätzen abgeleitet – und Daten die bei­spiels­weise aus dem Mikrozensus hervorgehen, verschleiern ohne die nötige Differenziertheit bis heute strukturelle Diskri­mi­nierung.

Kein Migrationshintergrund
≠ keine Disrkiminierung

Der Migrationshintergrund umfasst nicht alle Menschen, die von rassistischer Diskriminierung betroffen sind. Für die Erhebung von differen­zierten Antidiskriminierungs- und Gleichstel­lungs­daten reicht er deshalb nicht aus.

Die Gender Studies wurden in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Instrument, das strukturelle Diskrimi­nierung aufdecken und Antworten auf die Geschlechterverhältnisse am Arbeitsmarkt geben konnte. Statistiken machten die Verdienstlücke zwischen den Geschlechtern (Gender Pay Gap) oder fehlende Frauen in Führungspositionen sichtbar.

Auf Grundlage erhobenen Daten wie dieser ist es möglich Maßnahmen zu etablieren (wie z.B. die Frauenquote), die zu strukturellen Veränderungen führen können.

Erfolgreiche Maßnahmen zur Gleichstellung können als Symbol dafür dienen, dass die Erhebung differenzierter Da­ten sinnvoll ist. Übertragen auf andere Bereiche, in denen Diskriminierung struk­turell verankert ist, können sie auch dort Diskriminierung vermin­dern und zu mehr Gleichstellung führen.

Jeder zählt

Abschließend hoffen wir ein Problembewusstsein für die Notwendigkeit von Gleichstellungsdaten im Kampf gegen Diskriminierung bei allen Leser*innen geschaffen zu haben. Für strukturelle Veränderung ist jedoch nicht nur das »zählen Aller« maßgeblich, sondern auch das Mit­wirken jedes Einzelnen. Das Ziel einer inklusiveren und chancen­gleichen Gesellschaft können wir nur gemeinsam erreichen. Weshalb »Jeder zählt« der sich dafür einsetzt.

Projekt Info

Dieses Projekt entstand im Rahmen der FH Potsdam in Kooperation mit dem Center for Intersectional Justice und im Austausch mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Besonderen Dank an Prof. Dr. Marian Dörk und Prof. Franziska Morlok für die tolle Betreuung. Sowie an Dr. Emilia Zenzile Roig und Miriam Aced vom CIJ Berlin für die umfängliche Einführung in das Thema Intersektio­nalität und die Antidiskrimi­nierungsstelle des Bundes, die uns mit außführlichen Antworten unserer Fragen
zur Seite standen.


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Quellenverzeichnis

Wer nicht gezählt wird, zählt nicht. – Hg. v. Vielfalt entscheidet – Diversity
in Leadership, Citizens For Europe, Berlin.
Antidiskriminierungsstelle des Bundes
2015: Diskriminierungserfahrungen in Deutschland – Erste Ergebnisse
einer repräsentativen Erhebung und einer Betroffenenbefragung.

2017: Diskriminierung in Deutschland
2018: Erhebung von subjektiven Diskriminierungserfahrungen.
Erste Ergebnisse von Testfragen in der SOEP Innovations-Stichprobe 2016.
2019: AGG-Wegweiser. Erläuterungen und Beispiele zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz.
2019: Überwältigende Mehrheit hält Grundgesetz für zentrale Errungen-
schaft / Jede*r zweite Befragte für Erweiterung des Artikels 3 GG.

Baumann, Anne-Luise; Egenberger, Vera; Supik, Linda (2018):
Erhebung von Antidiskriminierungsdaten in repräsentativen Wiederholungs-
befragungen. Bestandsaufnahme und Entwicklungsmöglichkeiten. Hg. v. Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Liebscher, Doris (2016): Recht als Türöffner für gleiche Freiheit? Eine Zwischen-
bilanz nach zehn Jahren AGG. Hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung.

Pfeiffer, Nathalie (2017): Wir gehören dazu. Sinti und Roma erleben in
vielen Ländern Europas Ausgrenzung – auch in Deutschland. Videoporträt
zweier Frauen, die der Diskriminierung die Stirn bieten.

Scherr, Albert (2016): Diskriminierung/Antidiskriminierung – Begriffe
und Grundlagen. Hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung.

Weichselbaumer, Doris (2016): »Discrimination Against Female Migrants
Wearing Headscarves«. Hg. v. Institute for the Study of Labor (IZA).