Juli 2019

Las Invisibles

- MEXIKANISCHE HAUSHÄLTERINNEN -

Mit sechs Jahren bin ich aus Mexiko nach Deutschland emigriert. Eine meiner ersten Erinnerungen aus dieser Zeit ist, wie mein Stiefvater bei einem Autoausflug an einer Tankstelle hielt. Er stieg aus dem Auto, ging an die Tanksäule und hakte den Zapfhahn in den Autotank. Ich kurbelte das Fenster herunter und schrie ihn empört an, dass er das nicht dürfe und er doch auf den Angestellten der Tankstelle warten solle, wie ich das aus Mexiko kannte.

Wenn ich heute in Mexiko zu Besuch bin merke ich, dass sich mein Gefühl gegenüber den Servicekräften stark gewandelt hat. In Deutschland habe ich, wie viele andere Studierende, selbst als Kellnerin gearbeitet, tanke mein Auto eigenständig und kümmere mich um meinen Haushalt. Das alles sind Dinge, die in Mexiko oft Angestellte erledigen.

ROMA KAM GERADE RECHT

Als letztes Jahr der Film „Roma“ von Alfonso Cuarón in die Kinos kam und später auf Netflix veröffentlicht wurde, stand zum ersten Mal ein Thema im Rampenlicht, welches in Mexiko schon sehr lange unter den Teppich gekehrt wird. Ein zuvor unsichtbarer Teil der Gesellschaft, bekam erstmals eine Stimme: „Die Haushälterinnen”. Der Film wies auf die Machtkonstrukte und Probleme hin, denen diese Frauen noch heute tagtäglich begegnen. Der Fokus liegt auf der ungewollten Schwangerschaft einer Haushälterin und der aus einer Affäre resultierenden Scheidung der Hausdame. Beide Frauen werden von ihren Männern enttäuscht und stehen nun angesichts der machistischen Gesellschaft alleine da. Roma erzählt ganz klar keine Geschichte einer Frauenfreundschaft, sondern weist auf die Abhängigkeit hin, die zwischen diesen sehr unterschiedlichen Frauen besteht. Während die wohlhabende Hausdame mehr schlecht als recht ihre Trennung verarbeitet, kümmert sich die Haushälterin um die Kinder als wären es ihre eigenen. Die Hausdame ermöglicht der indigenen Angestellten während ihrer Schwangerschaft Arztbesuche, etwas das ohne ihre Hilfe und Kontakte zu einem Oberarzt nicht so einfach gewesen wäre, da bis heute nur sehr wenige Hausangestellte über eine Krankenversicherung verfügen. Trotz der gegenseitigen Unterstützung wird deutlich, wer hier in der Machtposition steht.

Leider hat sich an dieser ungleichen Dynamik zwischen mexikanischen Frauen bis heute nicht viel geändert. Bei der in Mexiko aufkeimenden #metoo Bewegung, waren zum Beispiel ausschließlich Frauen aus elitären Arbeitsmilieus vertreten, obwohl Haushälterinnen nicht nur wegen ihres Geschlechts diskriminiert werden, sondern auch weil sie oft indigener Abstammung sind. Sie leiden unter intersektionaler Diskriminierung, bei der sich Sexismus, Klassismus und Rassismus verschränken und sind somit vor Problemen wie schlechter Bezahlung, unfairen Arbeitszeiten und sexuellem oder emotionellem Missbrauch am Arbeitsplatz noch weniger geschützt als andere Frauen. Ein Übereinkommen der Internationalen Arbeitskonferenz soll als Gesetz nun dazu beitragen, dass die Rechte der Haushälterinnen geschützt werden und keine Ausbeutung mehr stattfinden kann.

„ Ich danke Alfonso Cuarón dafür, dass er dieses Thema auf so wunderbare
Weise ins Gespräch gebracht hat. Wir sind viele Mexikaner, die noch immer
kämpfen und Roma verbindet uns. ”

— Marcelina Bautista, Aktivistin

MODERNE SKLAVEREI

Wenn man heute nach Mexiko schaut, fühlt man sich in vielen Haushalten an die Kolonialzeit erinnert, in welcher die spanischen Eroberer hauptsächlich Ureinwohner im Haushalt versklavten. Mexiko weist diese Strukturen bis heute auf, zwar wird die Haushälterin als „Familienmitglied” bezeichnet, im Kern jedoch wird ihre Arbeit immer noch als Selbstverständlichkeit oder ein „Gefallen“ angesehen. Anders als damals bekommen die Haushälterinnen heute ein Gehalt und können jederzeit kündigen. Ein angenehmes Arbeitsverhältnis und die Höhe des Gehalts hängen aber völlig von dem Wohlwollen des Arbeitgeber*in ab. Vergleicht man sie zusätzlich mit anderen Berufssektoren, wird schnell klar, dass hier prägnante Unterschiede herrschen und man von moderner Sklaverei sprechen kann. Laut der OIT (Organización Internacional del Trabajo) sind die größten Probleme der Haushälterinnen exzessive Arbeitszeiten, welche nicht ausreichend honoriert werden, unwürdige Behandlung, Demütigung und Diskriminierung. Dazu kommt in einigen Fällen sexueller Missbrauch.

UNGESCHÜTZT

Die Haushälterinnen werden auf Grund ihrer indigenen Abstammung und oftmals fehlender Bildung in eine Haltung unterlegene Haltung gezwungen. Sie werden laut einem Artikel des Magazins der Mexikanischen Universität, ungeachtet ihres Alters als “muchachas”, “nanas” oder “criadas” bezeichnet, verkindlichende Begriffe die ihre Arbeit klein reden und ihre Unsichtbarkeit fördern. So herrscht zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmerin ein Überlegenheitsgefälle, welches im Großen und Ganzen von der Gesellschaft als normal angesehen und nicht hinterfragt wird. Dieses Überlegenheitsgefälle führt dazu, dass Übergriffe an den Haushälterinnen leichter passieren. Da das Justizsystem auf denselben Stereotypen basiert, waren die Haushälterinnen bis vor kurzem nicht einmal durch das Gesetz geschützt. Man könnte hier von legalisierter und struktureller Diskriminierung sprechen.

„ Es gibt etwas, das wir in Mexiko nicht gerne akzeptieren und zwar, dass wir ein sehr rassistisches Land sind. Wir haben Diskriminierung normalisiert, obwohl wir es nicht gerne zugeben und manchmal gar nicht bemerken. ”

— Christian Mendoza, Aktivistin

UNTERSCHÄTZTE WIRTSCHAFTSKRAFT

Eine Haushälterin ist zeitlich meist so sehr in ihrem Arbeitgeberhaushalt eingebunden, dass es ihr verwehrt bleibt, sich regelmäßig um ihre eigene Familie zu kümmern, bzw. eine zu Gründen. Entweder wohnen die Frauen direkt mit im Haus der Arbeitgeberfamilie, oder sie haben oftmals sehr lange Arbeitswege zu bewältigen, welche in der Regel nicht bezahlt werden. Das private Leben kann also nur sehr eingeschränkt und nicht eigenbestimmt stattfinden. Trotz ihrer wichtigen Rolle in der Gesellschaft, ist die Haushälterin dem tiefliegenden Klassismus unterworfen und den damit einhergehenden Vorurteilen des stereotypischen Denkens. Arbeitgeber*in und Arbeitnehmerin kollidieren. Sie haben verschiedene sozio-ökonomischen Herkünfte, manchmal sogar andere Sprachen, was auch für ein ausgeprägtes Machtgefälle sorgt. Die Arbeitgeber stigmatisieren ihre Angestellten, und nehmen sie als untergeordnet und unmündig wahr und das obwohl die Frauen laut dem nationalen Institut für Geografie und Statistik (INEGI) einen bemerkenswerten Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt beisteuern.

BRUTTOINLANDSPRODUKT

I. 30,04% Industrie

II. 3,42% Landwirtschat

III. 38% Andere Dienstleistungen

IV. 22% Haushilfe

I II III VI
Kreis Kopie

MACHISMUS

Mexiko ist ein stark vom Machismus geprägtes Land. Das größte Problem der Emanzipation sind die stark patriarchalen Strukturen der vorherrschenden Vetternwirtschaft. Im Bereich der Hausarbeit bilden Frauen den weit größeren Anteil. Trotzdem wird hier auch hier, in einem weiblich dominierten Arbeitsmilieu, der Mann bevorzugt behandelt.

Frauen Männer
Hausarbeiter*innen 91% 9%
Feiertagspremien 25.7% 46.4%
Bezahlter Urlaub 8.2% 25.5%

ELITÄRER FEMINISMUS

Dennoch tendiert die feministische Bewegung in Mexiko dazu, Frauen auszuschließen, die nicht aus einem Bildungshaushalt stammen und diskriminiert somit einen großen Teil der weiblichen Gesellschaft, der sich nicht vertreten oder angesprochen fühlt. Während die Ehefrau dafür kämpft, für ihre Arbeit den selben Lohn wie Ihr Ehemann zu erhalten, passen laut OIT 42.3% der Haushälterinnen für weniger als einen Mindestlohn auf die Kinder und den Haushalt auf. Eine Chance auf eine Karriere oder Bildung bleibt der Haushälterin auf Grund ihrer Herkunft und ihres sozialen Standes verwehrt. Sind ihre Frauenrechte weniger wert als die ihrer Arbeitgeberin? Die Hausarbeiterinnen ermöglichen es den Frauen der höheren Schichten arbeiten zu gehen und nicht von Hausarbeit aufgehalten zu werden. Sie bilden die Basis für die Emanzipation von Millionen von Frauen, die sich auf dem Rücken der Hausarbeiterinnen selbst verwirklichen können. Der Kritikpunkt ist keinesfalls der Fakt, dass die Frauen der gehobeneren Schichten für sich selbst einstehen und sich ihre Rechte erkämpfen, sondern, dass hier ein elitärer Kampf geführt wird welcher einen sehr wichtigen Teil der Frauengesellschaft ausschließt und von ihm profitiert.

GESELLSCHAFTSPYRAMIEDE

Spitze:
Alter Wohlstand
Oberschicht:
Junger Wohlstand
Gehobene Mittelschicht:
Unternehmer-, Akademiker*innen
Mittelschicht:
Bürokratie, Handwerk, Technik
Unterschicht:
Haushälter*innen, Landwirtschaft, Arbeiter
Armut
Immigranten, Zeitarbeit, Arbeitslose

1% 5% 14% 20% 25% 35%

2011 unterschrieb Mexiko das Übereinkommen 189 der internationalen
Arbeitskonferenz neben 183 weiteren Ländern. Am 14. Mai 2019 wurde es endlich vom mexikanischen Senat als Gesetz durchgesetzt. Dank diesem Gesetz haben Haushälterinnen nun das Recht auf eine Krankenversicherung, faire Bezahlung
sowie gefestigte Arbeitszeiten.

GEMEINSAM STARK

Jede Frau, die sich als Feministin bezeichnet und für die Gleichberechtigung kämpft, sollte dabei nicht vergessen, dass sogar innerhalb von Minderheiten noch immer Machtkonstrukte vorherrschen welche es zu brechen gilt. Um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu erreichen, müssen wir auch innerhalb des eigenen Geschlechtes die Hürden der Diskriminierung überwinden und uns zusammenschließen. Jeder von uns muss sich seiner Privilegien bewusst werden und sie nutzen um weniger Privilegierten eine Stimme zu geben und sie zu unterstützen.

Sollten Sie sich nach dem Lesen unseres Artikels in Mexiko nach einer Möglichkeit umschauen unter fairen und geregelten Umständen eine Anstellung als Haushälterin zu finden oder eine Frau als Haushälterin einzustellen, gibt es Organisationen wie der CACEH die sich unter anderem mit einem Vermittlungsdienst für würdige Arbeitsverhältnisse einsetzen.

Enstanden an der Fachhoschule Postdam,
Fachbereich Kommunikationsdesign.
https://infovis.fh-potsdam.de/femscroll/




Jung&Dynamisch Studio
Sabina Fimbres Sabugal,
Jill Elena Hamann
Kontakt: jungdynamisch@mailbox.org
Instagram: jungdynamisch_studio
Vielen Dank an Prof. Franziska Morlok und Prof. Marian Dörk, die uns im Rahmen des Feminist Scrollytelling Seminars “Visual data essays about intersectionality“ bei der Entstehung dieser Arbeit unterstützt haben. Besonderer Dank geht außerdem an Christian Mendoza der ILSB, die uns half die Umfrage vor Ort in Mexiko zu verbreiten sowie unsere Inhalte Korrektur gelesen hat. Vielen Dank an Theodor Hillmann für seine Unterstützung bei der Programmierung der Website und der Umfrage und an Adriana Sabugal, die uns bei der Übersetzung half. Zuletzt danken wir natürlich allen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben und uns somit ein einen Einblick in die aktuelle Situation verschaffen konnten.

QUELLEN
https://www.conapred.org.mx/documentos_cedoc/DocInfo-TrabsHog-30Marzo2015_INACCSS.pdf https://twitter.com/untrabajodigno?lang=es https://caceh.org.mx/quienes-somos/ https://caceh.org.mx/wp-content/uploads/2019/01/Folleto-5-tripticoC189.pdf https://elpais.com/internacional/2018/12/06/mexico/1544056200_766603.html https://www.ilo.org/mexico/noticias/WCMS_682718/lang--es/index.htm http://mexico.unwomen.org/es/noticias-y-eventos/articulos?story_type=d0438dc75ddf40749f0300d3b80cb4bc https://elpais.com/sociedad/2019/03/31/actualidad/1554045673_018322.html https://elpais.com/elpais/2019/04/29/planeta_futuro/1556534271_381382.html https://ilsb.org.mx/wp-content/uploads/2016/03/Policy-Inspeccion_C.pdf http://documents.worldbank.org/curated/en/541651467999959129/pdf/98544-WP-P148348-Box394854B-PUBLIC-Latinoamerica-indigena-SPANISH.pdf https://paper.dropbox.com/ep/redirect/external-link?url=https%3A%2F%2Fwww.bbc.com%2Fmundo%2Fnoticias%2F2016%2F05%2F160517
_mexico_frases_racistas_cultura_an&hmac=soebmAkyX4l4teN% https://www.eluniversal.com.mx/articulo/marcelina-bautista-bautista/nacion/roma-nos-une https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200733/umfrage/anteile-der-wirtschaftssektoren-am-bruttoinlandsprodukt-mexikos/ https://expansion.mx/expansion/2011/06/28/el-trabajo-domestico-impulsa-al-pib
Revista de la UNAM, Edición "Tabús"